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Autonom?
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Aus der Zwischenablage am 20.01.2012 22:30 eingefügt.

 

Gedanken über Autonomie

 

 

„Der Mensch wird frei geboren, aber überall liegt er in Ketten“, meint der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau. Schauen wir uns das mal an. Bei der Geburt ist der Mensch in der Tat frei, allerdings auch ziemlich willenlos. Und gleich abhängig: von der Mutterbrust, vom warmen Bettchen, von frischen Windeln... Also frei?

von caligula (M. Schomers)

 

Schnell geht es weiter: der kleine Mensch wird getauft, ob er das will oder nicht, spielt keine Rolle, schließlich ist er ja noch zu klein, um eine freie eigene Entscheidung darüber treffen zu können. Später wird er in den Kindergarten „gezwungen“, es folgt die Schule, die ihm aufs Auge gedrückt wird. Er wird von früh bis spät bevormundet, sein Tagesablauf wird für ihn geplant, es wird bestimmt, was er wann zu lernen hat, was er üben muss, was er nachholen muss, wen er wann besuchen muss, wie er sich zu benehmen hat, sogar was er in seiner sogenannten „Freizeit“ machen darf, und oft genug suchen seine Eltern auch noch die Freunde für ihn aus oder verbieten ihm bestimmte usw.

Und vieles davon macht dem kleinen freiheitsliebenden Menschen auch noch Spaß, einiges ist natürlich auch gut für ihn und unter Umständen wichtige pädagogische Maßnahme, trotzdem ist fast alles in seinem jungen Leben nicht von ihm selbst entschieden, sondern von anderen, die es natürlich „gut“ mit ihm meinen. Noch später darf er wirklich „frei“ entscheiden: welchen Beruf wählt er, geht er vielleicht auf die Universität oder schafft er auf dem Bau? Aber wirklich frei ist die Entscheidung auch hier nur selten: hier schränken die Noten und schulische Abschlüsse, aber auch die finanziellen Möglichkeiten die freie Entscheidung doch erheblich ein.Und das fremdbestimmte Leben geht weiter: Arbeitgeber, Banken, Finanzämter, Gesetzgeber und Vorschriftenerlasser bestimmen unser Leben, aber auch Verlage und Fernsehsender, oder glaubt ihr, wir dürfen wirklich sehen, was wir wollen, lesen, was wir wollen?

In vorauseilendem Gehorsam nehmen wir auch fremde Meinungen an: „Was alle mögen, kann doch nicht schlecht sein?“ -  „Wenn alle das machen, dann mach ich das auch.“ Man passt sich an, will bloß nicht auffallen und macht alles brav mit.

Also: unser ganzes Leben ist weitgehend fremdbestimmt. wir sind entmündigt, oft willenlos fallen wir auf vermeintliche Entscheidungsfreiheit herein. Wenn wir frei wählen dürfen: zwischen McDonalds und BurgerKing, zwischen Saturn und MediaMarkt, zwischen RTL und ProSieben oder zwischen Harry Potter und Herr der Ringe.

Die meisten Menschen denken, es wäre, um dem zu entkommen und endlich frei entscheiden zu können,  ein guter Weg, selber ein Fremdbestimmer zu werden, um damit den eigenen Frust, dauernd fremdbestimmt zu sein, auszugleichen. Also streben sie danach, selber Chef zu werden, selber bestimmen zu dürfen und Untergebene und Befehlsempfänger unter sich zu haben, die man quälen kann und die man zwingen kann, seine eigenen, vermeintlich nun freien Entscheidungen zu erdulden.Aber irgendwann merkt es auch der Dümmste: egal, an welcher Position man bei diesem Spiel mitspielt,  man bleibt immer fremdbestimmt, man unterliegt immer den Strukturen und dem System an sich.

Doch, wenn man Glück hat, irgendwann, stolpert man über Leute, einen Kreis von Freunden, einen kleinen Bund, der sich „autonom“ nennt.

Autonom! Das klingt gut und meint erstmal selbstbestimmt, es ist das Gegenteil von heteronom, fremdbestimmt. Was ich eben erklärt habe, bedeutet also heteronom, fremdbestimmt. Unser Leben ist also fast immer heteronom.

Als autonomer Bund sind wir keinem größeren Bund oder Verband untergeordnet. D. h. wir können für uns und unsere kleine Mannschaft eigene Wege gehen, eigene Entscheidungen treffen, was nicht immer einfach ist, aber keinesfalls müssen wir irgendwelche Entscheidungen schlucken, die „von oben“ kommen, denn es gibt kein „oben“. Wir sind selber oben, jeder von uns, auch der kleinste ist gleichberechtigter Entscheidungsträger.

Eines aber bedeutet autonom ganz sicher nicht: dass jeder gerade tun oder lassen kann, wonach ihm ist - nein: das Zusammen ist entscheidend, gemeinsam autonom, wie ein Orchester, das nur klingt, wenn alle die selbe Melodie spielen und alle Instrumente auf den gleichen Kammerton gestimmt sind, gleich schwingen in Harmonie. Wenn wir sagen: jeder Musiker, jeder Sänger in unserem Orchester ist ja „autonom“, also sucht sich jeder in einer freien Entscheidung sein Lieblingslied aus und fängt an zu musizieren. Der eine singt: „Feiert das Fest, Kameraden“, der nächste „Horridoh“ und der dritte übt sich in „Marmor, Stein und Eisen bricht“... Das klingt vielleicht interessant und der Einzelne mag sich so auch verwirklicht fühlen, aber einen harmonischen, schönen Klang ergibt das nicht. Aber wenn ein jeder in seiner Stimmlage, mit seiner eigenen, unverwechselbaren Stimme, aber die selbe Melodie, das selbe Lied, singt, dann klingt es plötzlich. Und je individueller und vielfältiger die einzelnen Stimmen sind und je mehr Instrumente mitklingen, desto größer und harmonischer wird der Klang.

Also geht es bei der Autonomie auch um das Individuelle, um das Eigene in der Gemeinschaft. Und es geht auch um Verantwortung, die man als autonomes Individuum zu übernehmen lernt: für sich selbst und damit auch für die Gemeinschaft.

Das Wichtigste aber ist, dass wir als autonome Individuen, als autonome Gemeinschaft, so oft es geht, die Fremdbestimmer sich selbst überlassen und uns unsere kleinen Freiheiten nehmen, unsere kleinen Freiheiten leben und vielleicht ein bißchen von diesem bunten Freiheitsgefühl mit in das alltägliche graue, fremdbestimmte Leben nehmen.

Der irische Schriftsteller George Bernhard Shaw schreibt: „Freiheit bedeutet Verantwortlichkeit; das ist der Grund, warum die meisten Menschen sich vor ihr fürchten.“

Also: fürchtet euch nicht, nicht vor der Freiheit, nicht vor der Verantwortung und schon gar nicht vor der Autonomie!

 

caligula / Martin Schomers